Freitag, 17. Juli 2009

Der Schal - The Scarf

von Zauselina Rieko




Buchempfehlung

Robert Bloch (1917-1994) schrieb 1947 die Geschichte eines Mörders, der den ersten Mord mit einem gelben Schal begeht an einer Frau, die ihn nervt. Fortan wird dieser gelbe Schal zum unheimlichen Maskottchen und ständigen Begleiter des erfolglosen Schriftststellers Dan Morley. Am Anfang steht der Missbrauch durch eine Lehrerin. Die Frauen, denen Dan Morley begegnt, interessieren ihn nicht wirklich. Mit innerer Distanz, einem gewissen Ekel und Abgestoßensein von den Eigenarten und Schwächen jener Frauen, beginnt er sie zu studieren, gleichsam ekligen Insekten unter dem Mikroskop, die gleichzeitig abstoßend und wieder hoch interessant sind. Er macht sich Notizen in seinem schwarzen Büchlein. Er möchte wissen, wie es sich anfühlt, jemanden zu ermorden. Als er die erste Freundin erwürgt hat, weil sie ihn heiraten wollte, Anforderungen gestellt hatte, hat er die Idee, den Charakter jener Frau in seinen literarischen Figuren zu verarbeiten. Fortan hat er mit seinen Texten Erfolg, weil er plötzlich in der Lage ist, Menschen lebensecht darzustellen.
Aber er begegnet immer wieder Frauen, die ihn auf ähnliche Weise nerven, Forderungen stellen, eine tiefere Beziehung wollen. Die Gegenwart des gelben Schals erinnert ihn ständig daran, dass es aus jeder unbequemen Beziehung einen Ausweg gibt.

Der Autor von "Psycho" - Hitchcocks berühmte Verfilmung von 1960 - schafft Einblicke in die Seele eines Psychopathen, der aus Interesse am Ausprobieren und auch aus Angst vor zu großer Nähe mordet. Immer wieder taucht dabei in den Flashbacks die Lehrerin auf, die ganz am Anfang der Entwicklung steht. Während sich Morley innerlich vom emotional distanzierten und lieblosen Menschen zum psychotischen Mörder entwickelt, durchläuft er äußerlich den Aufstieg von der verkrachten Existenz des vorbestraften Kleinkrimminellen und meist arbeitslosen mittelmäßigen Schriftstellers zum gefragten Hollywood-Autor, beliebten Party-Gast und Star der Literatur-Szene. Hier schimmert das Motiv der an den Teufel verkauften Seele des Doktor Faustus durch oder das Spiegelbild des Dorian Gray, Abbild seiner Seele, das immer hässlicher wird, während der lebendige Dorian Gray für andere Menschen immer schöner wird.

Der eher mittelmäßige, kaum erfolgreiche Schriftsteller, der sich zwar Tag und Nacht für die Literatur abrackert, aber wenig Beachtung findet, ist wohl autobiografisch gefärbt. Jahrelanng hat Bloch kaum von seinen Texten leben können. Erst als Alfred Hitchcock "Psycho" verfilmte, war er über Nacht berühmt. Er schrieb noch weitere Geschichten für Hitchcock, und fortan trugen seine Bücher in der Beschreibung den Zusatz "Vom Autor von Psycho", weil das verkaufsfördernd war. Auch in "Psycho" spielt eine weibliche Bezugsperson aus der Kindheit des Mörders eine fatale Rolle. Bei Norman Bates ist es die überstarke Mutter, bein Dan Morley eine Lehrerin.

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Krimi-Novelle und lesenswerter Klassiker. 223 Seiten umfassendes Taschenbuch. Diogenes Verlag
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