Mittwoch, 22. Juli 2009

Rot ist mein Name - Orhan Pamuk





Kurze Übersicht:
Die Geschichte spielt im 16. Jh. in Istanbul. Ausgangspunkt ist der Mord an dem Meisterillustrator. Seine Leiche wird 1591 in einem trockenen Brunnen gefunden. Er wurde erschlagen. Im Laufe der Geschichte passiert noch ein zweiter Mord

Inhalt
Der Meisterillustrator am osmanischen Hof von Istanbul wird erschlagen aufgefunden. Der Weltenbummler Kara kehrt nach 12 Jahren in seine Heimatstadt Istanbul zurück. Er will seine Jugendliebe Seküre wieder sehen. Diese war ihm nicht zur Heirat gegeben worden. Sie hatte einen anderen Mann geheiratet, hat 2 Kinder, aber der Mann ist seit 4 Jahren nach einer Schlacht vermisst. Dessen Familie erhebt Anspruch darauf, dass Seküre bei ihr leben soll. Sie lebt aber mit ihrem alten Vater zusammen. Ihr Vater hat vom Sultan den Auftrag, zusammen mit seinen Meisterillustratoren 10 Buchblätter zu erschaffen, die im islamischen Jahr 1000 dem Dogen von Venedig als islamische Demonstration von Macht und Reichtum übergeben werden sollen. Seküres Vater wird im Laufe der Geschichte auch ermordet. Kara erhält den Auftrag, zusammen mit den anderen Illustratoren der Werkstatt den Mörder ausfindig zu machen. Nur so kann er verhindern, dass alle Illustratoren zwecks Wahrheitsfindung gefoltert werden.

Schwerpunkte
Das Hauptthema ist die Buchmalerei. Dabei wird vor allem die Spannung zwischen dem Koran-Gebot, keine Lebewesen (Menschen und niedere Tiere wie Schweine oder Hunde) figürlich abzubilden und der fränkischen Malerei mit Perspektive und Menschen- und Tierdarstellungen

Zur Malerei
Die so genannte „Fränkische Malerei“ kennt schon Perspektive. Im Gegensatz dazu wurde während des europäischen Mittelalters nur flächig gemalt. Perspektive als Mittel, um den Effekt der räumlichen Darstellung zu erzeugen, war noch nicht erfunden. Das Problem, was sich für die islamische Welt aus der perspektivischen Darstellung ergab, war, dass ein Tier oder ein niedriger Mensch genauso groß dargestellt werden konnten wie der Prophet oder ein heiliger Mensch. Die Welt sollte aber nicht möglichst realistisch dargestellt werden, sondern so wie Allah sie sieht.

Sprachliche Komposition
Pamuks Literatur ist schon allein wegen der sprachlichen Vielfalt lesenswert. Rot ist mein Name ist in 59 Kapitel eingeteilt: jedes Kapitel wird aus der Ich-Perspektive einer andern Figur erzählt.
Die Kühl-distanzierte Erzählweise von Gefühlen steht konträr zum blumenreichen Vokabular! Es fließen mystische Elemente der Sufi-Tradition ein Eine stark visuell geprägte Darstellungsweise lässt sich mit Pamuks Liebe zur Malerei erklären. Seinem Architekturstudium hat er den ästhetischen Sinn zu verdanken, der sich in seinem literarischen werk niederschlägt. Mit kriminalistischer Kombinationsgabe wird hier ein Verbrechen aufgeklärt, das aber nur in eine viel reichere Geschichte eingewebt ist. In die Geschichte fließen ständig kleinere Geschichten mit ein, die die Figuren zur Erläuterung eines Sachverhalts erzählen. Diese Nebengeschichten nehmen sich aus wie ausgedehnte Sinnsprüche. Dadurch werden die langweiligen Passagen des Buches wieder wettgemacht. Es erinnert an die orientalische Erzählkunst der Kaffeehäuser. Pamuk verliert dennoch nie den Faden; die Übersicht geht nicht verloren.
Das große Thema der Perspektive wird sprachlich abgebildet im Wechsel des Erzählens aus der Sicht verschiedener Figuren einschließlich unbelebter Gegenstände, Tiere und einer Leiche.

Historischer Kontext und zeitgenössische Überzeugungen
In „Rot ist mein Name“ werden wie nebenbei mehrere Themenstränge eröffnet, die aber im Hintergrund als Handlungen in der Handlung laufen. So bekommt der/die Leser/in einen Einblick in Überzeugungen, die die heutige westliche Gesellschaft überwunden (?) hat. Der Ursprung von diesen Überzeugungen kann so nachvollzogen werden.
- Der Sinn der Folter wird erklärt
- Man bekommt einen Einblick in das Schicksal von Kriegerwitwen
- Das Leben in den Buchmalerwerkstätten wird einem farbig vor das geistige Auge gestellt
- Die Knabenliebe ist ein oft erwähntes Phänomen. Heute hieße es „Homosexualität“ oder „Kindesmissbrauch“. Die beiden Begriffe sind nicht getrennt gedacht.
- Die Auswirkungen von religiösem Eifer bis hin zum Fanatismus werden aufgezeigt.

Zur „Knabenliebe“ sei noch angemerkt, dass in der islamischen Welt die Lebensbereiche von Frauen und Männern stärker getrennt sind als in der christlichen. Männer haben kaum Gelegenheit, mit nicht verwandten Frauen zusammen zu treffen. Für Jungen in der Pubertät bedeutet das, dass sie ihre Sexualität nur mit Jungen ausleben können. Für erwachsene Männer bedeutet das, dass sie unterdrückte Sexualität an minderjährigen Jungen ausagieren, denn Homosexualität ist ein Verbrechen. Vergleichbares ergibt sich bei missbrauchenden katholischen Geistlichen und „verfügbaren“ Jungen aus ihrem Kreis an Schutzbefohlenen.


Werbung für den Islam?
Pamuk liegt es fern, einseitig den Islam hervorzuheben. Wenngleich die Schönheit der islamischen Tradition und Kultur entfaltet werden spart er nicht mit Kritik an religiösem Übereifer. Alle drei Weltreligionen sind in der Geschichte vertreten, zusammengefasst in einzelnen Figuren.
Die Jüdin Esther thematisiert Morde an Juden. Islamischer Extremismus zeigt sich bei der Zerstörung von Kaffeehäusern, weil Kaffee als berauschendes Getränk und damit vom Koran her verboten sein soll. (Diese Diskussion gilt heute in der islamischen Welt als abgeschlossen. Kaffee ist dem gläubigen Moslem erlaubt.)

Abschließende Betrachtung
Pamuk hat sowohl einen Kriminalroman, als auch einen brisant aktuellen gesellschaftskritischen und theologischen Roman geschaffen, der zugleich höchste künstlerisch-ästhetische Ansprüche erfüllt. Einer simplen Zuordnung widersetzt sich das Buch – das macht es so spannend. Die gut 600 Seiten lassen sich nicht an zwei oder drei Nachmittagen konsumieren. Der Roman hat durchaus auch Längen. Wenn die Schönheit zum x-ten Male gepriesen wird, möchte man aufseufzen: „Ja, ich habe es schon auf Seite zweihundertsoundso begriffen.“ Trotzdem kann man diese Längen gut aushalten, denn die kleinen, in den Text eingewobenen Nebengeschichten und Nebenerzählungen halten den Lesefluss aufrecht. Die weniger interessanten Textpassagen sind auf halbe Seiten begrenzt. Das Durchhalten lohnt sich!

Hanser Verlag, ISBN 10 3446200576, 536 Seiten, 27,61 € (gebunden)
Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-50984-3, 560 Seiten, 9,95 € (Pappeinband)
Süddeutsche Zeiutng, ISBN 9783866155022, 592 Seiten, 5,90 € (gebunden)

Zauselina Rieko
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