Montag, 22. März 2010

Ingrid Schmitz - 2 Leben 1 Tod

von Zauselina Rieko


Inhalt
Die Skulpturenkünstlerin und Hobby-Kriminalistin Mia Magaloff kümmert sich um eine demente ältere Frau, die in einer verwahrlosten Wohnung haust. Die Dame hatte Magaloff gebeten, einen Gegenstand abzuholen. Magaloff versucht deren Sohn Malvin Schreiber dazu zu bringen, sich um seine pflegebedürftige Mutter zu kümmern. Der wiederum lebt aber selber in einer verdreckten, heruntergekommenen Wohnung, allerdings aus anderen Gründen als seine betagte Mutter: Er ist arbeitsscheu und verbringt seine Zeit vor dem Computer. Er hat die fixe Idee, im Internet, genauer gesagt im 3D-Chat Second Life, das große Geld zu machen. Am sein Ziel kommen zu können glaubt er mittels Heiratsschwindel. Er kontaktet Frauen und will sie dazu überreden, ihm Geldbeträge zu überweisen. Gleichzeitig baut er an einem virtuellen Hotel in Second Life. Dieses Projekt soll ihm irgendwann dicke Gewinne einfahren. Magaloff loggt sich in Second Life ein, weil sie Schreiber nicht ans Telefon bekommt und an seiner Wohnungstür niemand öffnet. Sie glaubt, ihn dort ansprechen und dazu überreden zu können, sich um die Mutter zu kümmern. So lernt sie die Welt von Second Life mit den speziellen Funktionsweisen wie Teleport, virtueller Währung, Sex-Chat kennen. Als Malvin Schreiber ermordet wird, kommen zahlreiche betrogene Frauen als Mörderinnen in Frage. Magaloff versucht die Spuren in Second Life aufzunehmen und Schreibers virtuelle Beziehungen zu rekonstruieren.

Stil
Die Ich-Erzählerin, die Figur Mia Magaloff, erzählt im Wechsel mit einem Er-Erzähler, der den verwahrlosten Malvin Schreiber begleitet.


Kritik

Schmitz gelingt es, den unsympathischen, physisch wie moralisch verkommenen Computer-Nerd eindringlich und lebendig darzustellen. Angefangen von der Beschreibung seines ekligen Aussehens, bis hin zu seinen unappetitlichen Essgewohnheiten oder Unarten wie sich am Hintern zu kratzen, während er Liebesschwüre in den Chat tippt. Die Diskrepanz, die zwischen virtueller und realer Identität möglich ist, bringt Schmitz gekonnt in der Figur Schreiber zum Ausdruck. Sein Avatar in Second Life ist ein gut aussehender, teuer gekleideter junger Mann mit sportlicher Figur und gepflegtem Körper. Der Schreiber an der Tastatur, Steuereinheit des Avatars, ist ein ungeduschter, unrasierter Jogginghosen-Träger, der sich Fastfood einverleibt und Müll in seiner Wohnung herum liegen lässt. Schmitz lässt Schreiber herrlich abstoßend vor dem geistigen Leserauge erstehen.

Immer wieder lässt uns die Ich-Erzählerin an ihren erotischen Fantasien teilhaben. Diese Passagen wirken so unbeholfen und albern wie erste Aufklärungsversuche aus der Bravo. Außerdem sind sie größtenteils für den Fortgang der Geschichte unerheblich und dehnen den Text unnütz in die Länge. Der Versuch, gleichzeitig einen Niederrhein-Krimi zu verfassen, bläht den Roman mit Regional-Vokabeln auf.

Wie Malvin Schreiber mit einem virtuellen Hotel das große Geld machen soll, eröffnet sich dem Leser nicht. Auch wenn scheinbar mit horrenden Summen spekuliert wird, so relativieren sich die astronomischen Zahlen schnell, wenn man bedenkt, dass 10.000 Lindendollar etwa 30 oder 35 Euro entsprechen. Vor allem fragt man sich die ganze Zeit: Was soll man mit einem virtuellen Hotel und wie sollte es Geld einbringen?

Die vielen Erklärungen der Funktionsweise von Second Life sind für aktive User langweilig. Ob ein Nicht-User damit Second Life und folglich die Geschichte versteht? Die Geschichte wirkt stellenweise unfreiwillig komisch und putzig. Sie macht so viele Schlenker um das eigentliche Geschehen herum, weil regionale Besonderheiten Erwähnung finden müssen, Second Life erklärt werden soll, ein bisschen Sex vorkommen muss, dass sich so etwas wie Spannung nicht einstellen will.

2 Leben - 1 Tod, Ingrid Schmitz, Droste Verlag, Taschenbuch 315 Seiten, ISBN 978-3-7700-1335-7 , 9,95 €.

Hier geht´s zur Seite der Schriftstellerin, wo auch ein Buchtrailer verfügbar ist.

Und hier eine positive Kritik zum Buch.
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